Du betrachtest gerade Mittwochsmusik im März: (Spät)-Romantische Orgelmusik

Mittwochsmusik im März: (Spät)-Romantische Orgelmusik

Auf einen Blick:

Die nächste Mittwochsmusik findet statt am 4. März, ab 19:00 Uhr in der Kreuzkirche, Kronenweg 67. Auf dem Programm stehen freie Orgelwerke aus Romantik und Spätromantik, von Josef Rheinberger, Sigfrid Karg-Elert, Otto Barblan und Max Reger.

An der Orgel: Thomas Jung

Details:

„Freie Orgelmusik“: Das „frei“ bedeutet hier, dass die Musik ohne ein zugrunde liegendes Kirchenlied auskommt. Also: Keine Choralvorspiele, keine Choralfantasien, keine Choral…, was auch immer. Stattdessen fallen Sonaten, Suiten, Präludien, Fugen, Passacaglien, generell „Miscelaneen“ aller Art unter die „freie“ Orgelwerke. Vier Beispiele dafür bietet die Mittwochsmusik im März.

Beliebt waren im 19. Jahrhundert die eben erwähnten Sammlungen knapp gefasster Charakterstücke aller Art. Für die Hausmusik wurde in diesem Feld viel für Klavier oder kleinste Kammermusikbesetzungen geschrieben. Bekanntere Beispiele sind Schumanns Kalviersammlungen, vielleicht auch die „Lieder ohne Worte“ Mendelssohns. Im Kontexte der Orgelrenaissance entstanden ähnlich Sammlungen sowohl im französischen als auch im deutschen Sprachraum für die Orgel.

Zwei Stücke, die erklingen, stehen in eben solchen Sammlungen. Die knappe e-moll-Passacaglia veröffentlichte Josef Rheinberger (1839-1901) in seinen „Zwölf Charakterstücken“, op. 156 unter Nummer 11. Die Passacaglienform ist hier nicht Teil eines mehrsätzigen Entwurfs á la Passacaglia und Fuge, wie bei bspw. Bach. Vielmehr ist Rheinbergers Passacaglia innerhalb op. 156 umgeben von Musiken, die überschrieben sind mit „Canzonetta“, „Duett“, aber auch Programmatisches wie „In memoriam“, „Abendfriede“ oder „Trauermarsch“.

Die Rherinbergerische Passacaglia aus op. 156 ist relativ frei gehalten. Das thematische Ostinato bleibt, formbedingt, allgegenwärtig, wechselt aber im Gegensatz zur klassischen Passacaglia die Tonarten. Rheinberger zudem verzichtet auf das Vorstellen des Themas im Pedal. In seiner e-moll-Sonate bildet ebenfalls eine Passacaglia, in großer Ausführung, den Abschluss. Hier hingegen, in den Charakterstücken, ist sie knapp gefasst, im Umfang und architektonischer Freiheit den übrigen Stücken angepasst.

Sigfrid Karg-Elert (1877-1933), geboren in Oberndorf am Neckar, ist in seinem Orgelschaffen einer der Gegenspieler Max Regers. Die „Sequenz“ (lat.: sequere=folgen), die hier erklingt, ist die erste von zweien aus seiner Feder. Das Stück steht im Fünf-Viertel-Takt, hat seinen Namen – vielleicht(?…! aus seiner Struktur: Motive erklingen auf unterschiedlichen Tonstufen, bevor die zu neuen Gedanken weiterleiten, die ihrerseits transponiert und modifiziert fortgesetzt werden. Mit den Sequenzen des katholischen Liturgiechorals oder den harmonikalen Sequenzmodellen der Harmnoielehre hat Karg-Elerts Sequenz sicher nichts zu tun.

Otto Barblan (1860-1943), war schweizerischer Komponist, Organist, Pädagoge. Seine g-moll-Fantasie, op. 16, ist eine ernste, ausdrucksvolle Konzertmusik. Anlass für ihre Entstehung war die Einweihung der Kathedrale St. Pierre in Genf im Jahr 1907. Motivisch und im Aufbau scheint sie an Bachs großes e-moll-Präludium, BWV 548, angelehnt. Hier wie dort drei Themen/Motive, bei Barblan mag das allmähliche Steigern in chromatischen immer neuen Anläufen, vor allem beim dritten Thema, stärker ausgeprägt sein als bei Bach.

Den Abschluss machen Introduktion und Passacaglia in f-moll von Max Reger (1873-1916). Wie bei Rheinberger steht auch dieses Paar in einer Sammlung freier Stücke. Reger nennt sie „Monologe“, erschienen sind diese zwölf Stücke unter der Opuszahl 63. Übrigens hat auch Rheinberger unter op. 162 eine Sammlung mit dem Titel „Monologe“ herausgegeben, ebenfalls mit zwölf Stücken – dies hier aber nur am Rande.

Zurück zu Reger: Dessen Introduktion und Passacaglia, op. 63, Nr. 5/6, hat sich in der Orgelwelt relativ bald durchgesetzt. Für mich ist’s seit jeher das kleinste unter den „Großen Regers“. Die dreiteilige Introduktion (A-B-A‘) lässt Regers Monumentalstil erahnen, ist dabei aber kaum ausgedehnter als ein größerer Satz aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“.

Die Einleitung führt über einen Halbschluss direkt in die Passacaglia. Deren Aufbau ist klassisch, das ostinate Thema erklingt zunächst im Pedal alleine, bevor der Reigen der Variationen darüber beginnt.
In Entwicklungsbögen steigert Reger die Musik zu immer größerer Dichte. Das gesamte Stück bleibt in der Grundtonart f-moll, formale Freiheiten im Sinne Rheinberger vermeidet Reger hier. Die Virtuosität nimmt allmählich zu, um nach zwei Drittel der Gesamtlänge, unvermittelt und im tastendem Piano, neu zu beginnen, dann aber rasch in die Schlussgruppe hinein zu führen: Das letzte Drittel spielt die „Entwicklungs-Evolution“ der ersten beiden Drittel quasi in einer Art Zeitraffer noch einmal durch.

Der Abbruch und Neubeginn der Steigerungen fehlt in Regers kleiner d-moll-Passacaglia ohne Opuszahl: Die läuft bis zu ihrem Fortissimo-Finale ohne Unterbrechung durch. Die skizzierte Zwei-Drittel/Ein-Drittel-Struktur scheint das Kriterium für die Architektonik Regers „Riesenwerke“ zu sein, bis hinauf zu op. 127, wo der ohnehin massiv angelegten Passacaglia eine monumentale Doppelfuge folgt.

Das f-moll-Paar aus op. 63 dieses Konzerts bildet in gewissem Sinne eine Brücke zwischen den beiden Polen der „kleinen“ d-moll-Passacalia und dem monumentalen op. 127, einem der letzten Orgelwerke Regers.

Thomas Jung

Titelgrafik: Thomas Jung, mit Midjourney (graf. KI)